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Gemeindestraße
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Berliner Straße
Foto: Wolfgang Hoffmann

Berliner Straße

Die Hamburger Straße führt nach Hamburg, die Rausdorfer nach Rausdorf, und die Möllner Straße führt nach Mölln. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik. Wenn da nicht die Berliner Straße wäre. Die liegt im äußersten Südwesten Trittaus und grenzt ans Billetal. Sie führt aber zur Dahlemer und Steglitzer Straße sowie zum Tegeler Weg. Damit ist die Verwirrung eigentlich perfekt, wäre da nicht die deutsche Geschichte, die hier eine Erklärung liefern kann.

Also: Da war einmal das alte Berlin, die Residenz der preußischen Könige. 1871 wurde die Spreestadt zur doppelten Hauptstadt. Sie war nicht nur die Kapitale Preußens, sondern fortan auch des Deutschen Reiches. Das Kaiserreich endete mit dem verlorenen Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik begann mit einer Revolution und endete in einer großen Krise. Dann ergriff Hitler die Macht, um Deutschland und Europa in den nächsten Krieg zu stürzen. Berlin wurde dabei oft zur Bühne dieser dramatischen Entwicklung. Am Ende lag die größte deutsche Stadt zerschunden und großflächig zerstört am Boden.
Am 5. Juni 1945 verkündeten die vier Siegermächte in ihrer Berliner Deklaration, daß sie von jetzt an die oberste Regierungsgewalt in Deutschland ausüben würden. Als dieselben Siegermächte schon bald in den Kalten Krieg schlitterten, wurde Berlin - wie das übrige Deutschland auch - politisch-ideologisch geteilt. West-Berlin wurde spätestens mit der Luftbrücke 1948/49 zur Frontstadt und das Brandenburger Tor zum Symbol der Freiheit. Wer dieses Tor nun von West nach Ost passierte, betrat gewissermaßen einen Schurkenstaat, die "Ostzone", wie man damals sagte, die nie müde wurde, ihren Sektor als "Hauptstadt der DDR" anzupreisen.
Dann folgten der 17. Juni 1953 und der 13. August 1961, der legendäre Volksaufstand in der DDR und der Mauerbau, der die Fluchtwelle aus dem Osten eindämmen sollte. Damals stellten viele Westdeutsche Kerzen ins Fenster, um an die "Brüder und Schwestern im anderen Teil Deutschlands" zu erinnern. Auch hieß es unermüdlich, Berlin sei "eine Reise wert". Allerdings war es viele Jahre lang ratsam zu fliegen, wollte man sich nicht einem bürokratischen Spießrutenlaufen und etwaigen Grenzschikanen aussetzen. Mit der Entspannungspolitik der 1970er Jahre und dem Autobahnbau von Hamburg nach Berlin wurde zwar einiges leichter, doch jeder Berlin-Besuch bedrückte eher und rief immer wieder Kopfschütteln hervor. Eine normale Städtetour sah anders aus, eine normale Stadt auch. Sicherlich - das kulturelle Angebot war imposant, und die Stadt hatte, wenn man etwas tiefer blickte, noch vieles vom alten Charme ihrer glanzvollen Zeit. Doch spätestens der obligatorische Mauerbesuch offenbarte dann die ganze Idiotie des geteilten Deutschland und verwies zugleich auf das trostlose Inseldasein der drei West-Sektoren.

Die Wirtschaft wanderte ab, die jungen Menschen ebenfalls. Die Stadt hing finanziell am Tropf der Bundesrepublik. Mit einem Wort: die Lage war vertrackt. Hätte die Mauer wirklich noch 100 Jahre gestanden, wie Erich Honecker 1989 verkündete, die Stadt wäre irgendwann zum Museum erstarrt. Da halfen auch die vielen Klassen- und Studienreisen nicht und schon gar nicht die vielen Gesten des Mahnens und Erinnerns: Berlin-Steine, Schilder, die die Entfernung zur "eigentlichen" Hauptstadt angaben oder eben Straßenbenennungen. Das alles war nett und vielleicht auch ehrlich gemeint, aber ebenso vergeblich wie im Falle der Breslauer, Stettiner oder Danziger Straße. Waren diese Städte nicht auch längst verloren?

Die Trittauer Politikerinnen und Politiker sind Mitte der 1970er Jahre einen seltsamen Weg gegangen, als sie wollten, daß Berlin nicht in Vergessenheit gerate. Das "Berliner Viertel" im Südwesten der Gemeinde verweist bezeichnenderweise nur auf Bezirke, die im Westteil der alten Hauptstadt liegen. Von Köpenick oder Friedrichshain ist nicht die Rede. War hier Political Correctness im Spiel? Hat da jemand verhindern wollen, gesamtdeutsch zu erscheinen? Oder war das geteilte Berlin genenell suspekt?
Einem Zeitungsausschnitt ist zu entnehmen, daß es damals Kontroversen gab. Die Wahl der Straßennamen stieß in einer öffentlichen Fragestunde auf Kritik. Man witterte eine politische "Tendenz". Doch Bürgermeister Hergenhan, so lesen wir, wies "diese Deutung energisch zurück. Es sei darum gegangen, der alten Reichshauptstadt eine 'Reverenz' zu erweisen."

Das alles ist historisch interessant und wäre noch gründlicher zu erforschen. Übrigens: Von der Berliner Straße in Trittau zum Brandenburger Tor in Berlin sind es 264 Kilometer. Heute fast eine Tagestour.


Autor: Hans-Jürgen Perrey