Joachim Heinrich Campe

Fakten

Gemeindestraße
B-Plan Gebiet:
Länge:
Bau/Benennung:


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Campestein 1905
Campestein vor Campeschule 2005

Campestraße

Trittau hat etwas, was Hamburg nicht hat: eine Campestraße. Unsere benachbarte Weltstadt an Alster und Elbe besaß zwar einmal eine Campestraße, aber die ist auf eigenartige Weise nach dem Krieg und all seinen Zerstörungen unter die Räder gekommen. Sie lag in der Nähe des Hammer Deiches, wo Campe sein berühmtes Erziehungsinstitut betrieben hatte, und zweigte von der Süderstraße nach Südosten ab. In sie mündeten zwei Straßen, die ebenfalls nach bekannten Pädagogen des 18. Jahrhunderts benannt waren: die Salzmann- und die Basedowstraße. Die existieren noch heute.
Dafür gibt es in Hamburg einen Julius-Campe-Weg, was durchaus Sinn macht, denn Julius Campe (1792-1867) war ein bedeutender Buchhändler und Verleger, einer der Urväter des heutigen Hoffmann&Campe-Verlages. Julius Campe gab u.a. die Werke Heinrich Heines heraus. Bei ihm erschien 1841 auch Hoffmann von Fallerslebens Evergreen "Lied der Deutschen", der Text unserer Nationalhymne.

Doch zu unserem Campe, dem Joachim Heinrich, der der Onkel des Hamburger Verlegers war und den die Trittauer - das belegen die Quellen - mit ihrer Straßenbenennung auch würdigen wollten, denn am 25. April 1951 beschloß die Trittauer Gemeindevertretung diesen Namen, "und zwar aus dem Grunde, weil der Pädagoge Campe einige Jahre segensreich in Trittau gewirkt hat." Auf Campes Namen stößt man in unserem Ort mehrfach, schließlich gibt es noch einen Campestein und eine Campeschule, inklusive historischer Campe-Tafel, auf der dann alles erklärt wird.

Der vielgerühmte Jugend- und Reiseschriftsteller, der Pädagoge, Bildungsreformer, Schulbuchautor, Aufklärer, Publizist, Verleger und Sprachforscher ist gemeint, schließlich hat er einige wichtige Jahre hier in Trittau verbracht. Und somit macht es auch Sinn, daß es in der Campestraße einen Kindergarten gibt und daß diese von der Schulstraße abzweigt, gerade so, als sollte symbolisch ein neuer reformpädagogischer Weg beschritten werden: weg von alten ausgetretenen Pfaden. Doch davon später ...
Als Campe Anfang 1783 von Hamburg nach Trittau übersiedelt, um sich für gut drei Jahre auf dem Areal des bereits abgerissenen Schlosses niederzulassen, ist er inzwischen ein ebenso berühmter wie gemachter Mann. Aber auch ein geschaffter! Denn Campe ist extrem erholungsbedürftig, als er sein Hamburger Erziehungsinstitut für wohlsituierte Kaufmannssöhne in andere Hände legt und sich in das noch sehr dörflich-beschauliche Trittau zurückzieht. Er hat in Hamburg viel Geld verdient und ist durch sein Jugendbuch "Robinson der Jüngere" zum Bestsellerautor von europäischem Format aufgestiegen. Doch er hat für seinen Arbeitseifer und seine Unrast einen hohen Preis bezahlt. Jetzt beherzigt er das "Zurück zur Natur", die populäre Parole des französischen Philosophen Rousseau, und betreibt auf der Krim in Trittau Ackerbau und Viehwirtschaft. Hier lebt er mit Frau und Tochter und vier Zöglingen, die er aus Hamburg mitgebracht hat.

Campe, der 1746 in Deensen in Holzminden geboren wurde, ist 1783 erst 37 Jahre alt. Für einen Mann, der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen kommt und als Theologiestudent entbehrungsreiche Jahre durchgemacht hat, kann er auf eine beachtliche Karriere zurückblicken. Nach dem Studium war er Hauslehrer in der Familie Humboldt in Berlin, wo er die später renommierten Gelehrten Wilhelm und Alexander unterrichtete. Für kurze Zeit wirkte er am Dessauer Philanthropin, eine Muster- und Modeschulde, die Basedow begründet hatte, um dann in Hamburg sein ausgesprochen erfolgreiches und lukratives Erziehungsinstitut am Hammer Deich zu begründen. Wie es dort zuging, läßt sich auf wundervolle Weise im "Robinson" nachlesen, seinem Jugendbuchklassiker, für den sich heute wohl eher Erwachsene interessieren werden.

Doch ist Campe in Trittau wirklich zur Ruhe und zu sich selbst gekommen? Da dieser Mann voller Unrast und neuer Ideen war, blieb es nicht beim Robinson-Dasein auf der Trittauer "Insel". Campe reiste viel, schrieb unermüdlich darüber und brachte vor allem seine umfangreiche pädagogische Enzyklopädie, "Die allgemeine Revision des gesammten Schul- und Erziehungswesens", auf den Weg. Hieran wirkte die pädagogische Creme seiner Zeit mit. Die ersten Bände erschienen noch in der Trittauer Zeit, die 1786 zuende ging, als Campe ins Herzogtum Braunschweig-Lüneburg berufen wurde, um das dortige Schulwesen zu reformieren. Doch er kam damit nicht weit. Er, der Aufklärer und Alternativ-Pädagoge, scheiterte am Widerstand reaktionärer Kreise, die sich natürlich bestätigt fühlten, als Campe beim Ausbruch der Französischen Revolution 1789 spontan nach Frankreich reiste, um hinterher publizistisch von dem zu schwärmen, was er dort an welthistorischen Ereignissen und radikalen politischen Veränderungen gesehen hatte. Diese Sympathien für die Revolution honorierte die Französische Nationalversammlung auf ganz besondere Weise. Neben George Washington, Pestalozzi und Friedrich Schiller wurde unserem Campe 1792 von der französischen Republik das Ehrenbürgerrecht verliehen.

Trotz mancher Anfeindung hat Campe Braunschweig nicht verlassen. Er betrieb dort mit großem Erfolg die 1787 begründete Schulbuchhandlung, erwarb in der Stadt ein ansehnliches Grundstück und widmete sich verstärkt einer weiteren Leidenschaft: der Sprachforschung. Er gab ein eigenes Wörterbuch heraus und sagte den vielen Fremdwörtern in der deutschen Sprache den Kampf an. Nicht viele, aber einige seiner Eindeutschungsvorschläge haben die Zeiten überdauert. 1818 starb der seit Jahren an Demenz leidende Gelehrte.


Autor: Hans-Jürgen Perrey