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Ernst-Barlach-Ring

Manche älteren Hamburger werden noch wissen, dass bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Eck zwischen den Alsterarkaden und der Schleusenbrücke eine sehr hohe Stele aufgestellt wurde. Sie steht heute noch dort, zeigt im Relief eine trauernde Mutter mit ihrem Kind und erinnert an 40.000 im Ersten Weltkrieg für Deutschland gefallene Söhne der Stadt.
Schon 1931 war sie an derselben Stelle errichtet worden, passte aber bald nicht mehr zu den martialischen Ansichten und Absichten der Nazis und wurde deshalb 1938 entfernt. Das Mahnmal selbst war möglicherweise gar nicht der Grund für die Demontage, sondern es war der verpönte Name des Bildhauers, des Pazifisten Ernst Barlach. Sein Schaffen wurde als entartete Kunst diffamiert und war verboten. Alles hatte zu verschwinden, was an ihn erinnerte.

Heute sitzen bei schönem Wetter fröhliche Menschen auf den Stufen, die hinunter zur Kleinen Alster führen, füttern Enten, Möwen und Schwäne und sehen Ernst Barlachs in Stein gemeißeltes Werk vor sich. Ob sich einige der jungen Leute dabei wohl noch Gedanken über die für sie weit zurückliegende Zeit machen? Über den Krieg 1914-1918, über die Nazi-Diktatur, das Morden von 1939-1945, die Bombennächte, die mehr tote Zivilisten allein in Hamburg forderten als die 40.000 Söhne der Stadt, die im Ersten Weltkrieg als Soldaten gefallen waren?

Wohl nicht. Ernst Barlach starb schon 1938, im selben Jahr, in dem die braunen Herren Hamburgs die Stele entfernten, aber er lebt heute wieder in unserer Erinnerung. Am 24. Oktober 2008, seinem 70. Todestag, veranstaltete die Ernst-Barlach-Stiftung in Güstrow eine Gedenkfeier. Der Theologe und DDR-Dissident Friedrich Schorlemmer befasste sich in seiner Festansprache mit Barlach als Pazifisten, und wenn ich auch den genauen Redetext nicht kenne, so kann ich mir doch gut vorstellen, dass Schorlemmer das Hamburger Mahnmal als Beispiel für die Friedensliebe des Künstlers erwähnt hat.

Ernst Barlach wurde 1870 im holsteinischen Wedel geboren, lernte an der Hamburger Kunstgewerbeschule und an der Dresdner Akademie, reiste zu Studienzwecken durch Frankreich und Russland und schuf sich einen Namen vor allem als Bildhauer und Grafiker.
Wie viele andere Künstler besaß er eine Doppelbegabung und schrieb Dramen, die zwischen 1914 und 1933 an deutschen Theatern aufgeführt wurden, heute aber auf keinem Spielplan mehr zu finden sind. Umso lebendiger und gefragter jedoch sind seine Grafiken, Holzskulpturen und Steinplastiken, die an verschiedenen Orten in Dauerausstellungen zu sehen sind, in Wedel, im Hamburger Jenisch-Park, in Ratzeburg und vor allem in Güstrow, wo Barlach von 1910 bis zu seinem Tode gearbeitet hat.
Als Barlach einmal nach der Art und dem Sinn seiner bildkünstlerischen Arbeit gefragt wurde, antwortete er: Ich muss mitleiden können. Wenn man sich seine Bettler- und Bettlerinnen-Figuren ansieht, "Das Grauen", "Die Verlassenen" oder "Die Gemarterte Menschheit", glaubt man ihm aufs Wort. Betrachtet man aber andere Werke, dann erschiene es einem viel zutreffender, wenn Barlach vom Mitlachen oder Mitstaunen gesprochen hätte. Auch ihm kann nicht immer nur nach Leiden zumute gewesen sein. Ganz gewiss versank er nicht in tiefer Trauer, als er den "Singenden Mann", die "Lachende Alte" und die "Tanzende Alte", das "Vergnügte Einbein" und "Das Wiedersehen" geschaffen hat. Und in welcher Stimmung mögen durch seine Hände so wunderbare Werke wie die "Pietá" oder "Der Buchleser" entstanden sein?

Wer sich nur ein wenig näher mit Ernst Barlach beschäftigt, kann jedem denkenden und fühlenden Menschen nur raten, eine der Dauerausstellungen in Wedel, Hamburg, Ratzeburg oder Güstrow zu besuchen. Und wenn man dann schon den Weg in die inzwischen aus DDR-Tristesse zu neuer Schönheit erblühte Stadt in Mecklenburg gefunden hat, sollte man auf keinen Fall versäumen, sich auch den "Schwebenden Engel" von Ernst Barlach im Güstrower Dom anzusehen. Diese Bronzeplastik (ein Nachguss, denn das Original wurde im Krieg eingeschmolzen und der Rüstung zugeführt) mag keines der wichtigen Werke des Künstlers sein, aber gerade hier im Dom kann sie die Überzeugung stärken, dass Barlach trotz seiner in die Nazizeit fallenden letzten Lebensjahre durchaus Grund gehabt hat, mit sich selbst und dem Glück seiner wunderbaren Begabung in Eintracht zu leben. Dies zu sagen scheint mir wichtig, da Ernst Barlach viel zu oft als der unter der Last schlimmer Zeitläufte und dem damit verbundenen seelischen Leid fast zusammengebrochene Künstler beschrieben wird.

Autor:
Hermann Drews