Johann Wolfgang von Goethe
gemalt von Joseph Karl Stieler

Fakten

Gemeindestraße
B-Plan Gebiet:
Länge:
Bau/Benennung:


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Goethering 2009
Foto: Bruno Scharnberg
Rückseite Goethering Nr. 14, der PKW rechts steht auf dem Goethering
Foto: Ancus Martius, 1967
Goethering 14, die „grauen“ Satteldachhäuser sind Goethering 5,7,9,11 (v.links)
Foto: Ancus Martius, 1967
Goethering 14, rechts Rudolphiweg (Flachdach), ganz rechts Rausdorfer Straße
Foto: Ancus Martius, 1967

Goethering

Im arte-TV lief vor kurzem (Stand 2009) eine Sendereihe mit dem Namen "Europas Erbe". Der Sender hatte zuvor seine Hörer nach den bedeutendsten Dramendichtern Europas seit der griechischen Antike befragt. Goethe und Schiller zählten zu den zehn am häufigsten genannten Autoren, die dann von bekannten Persönlichkeiten, zumeist Regisseuren oder Schauspielern, vorgestellt wurden.

Die Laudatio auf Goethe hielt ein Mann, der von seiner eigenen Arbeit her nichts mit Literatur oder Theater zu tun hat, der junge, sehr moderne Installations- und Performancekünstler Jonathan Meese aus Ahrensburg. Gibt es einen besseren Beweis dafür, dass Goethe nicht nur unter "Berufskollegen" lebendig ist?
Der gerade in Genf neu in Betrieb genommene Teilchenbeschleuniger LHC wurde in der Presse von dem Kommentar begleitet, man wolle damit ergründen, "was die Welt im Innersten zusammenhält". Ein Wort aus Goethes "Faust", nicht nur bei uns bekannt, denn die Goethe-Institute verbinden deutsche Sprache und Kultur in aller Welt mit seinem Namen.
Es reizt, das Werk großer Dichter nach Zitaten zu durchforsten, die heute noch ein jeder kennt. Bei Goethe lässt man sich auf so etwas besser nicht ein, denn man würde kaum ein Ende finden. Dennoch reizt es, aus drei nur wenig bekannten Gedichten zu zitieren:

Begeistrung ist keine Heringsware,
die man einpökelt auf einige Jahre.

Wer will denn alles gleich ergründen!
Sobald der Schnee schmilzt, wird sich's finden.

Mann mit zugeknöpften Taschen,
dir tut niemand was zulieb;
Hand wird nur von Hand gewaschen;
Wenn du nehmen willst, so gib!

Diese Verse sind rund zweihundert Jahre alt, galten lange vor Goethe, gelten heute noch und werden so lange gelten, wie Menschen auf Erden wandeln.

In der Einführung einer alten Ausgabe von Goethes Werken ist zu lesen: "Goethe schuf sich die Bedingungen seiner Existenz selbst und wurde zum Bildner seines eigenen Lebens. So hat man nicht mit Unrecht sein Leben als sein größtes Kunstwerk, als seine erhabenste Dichtung bezeichnet."
Goethes Leben ein Gesamtkunstwerk. Wenn dieser heute oft gehörte Begriff auf einen Mann der deutschen Kulturgeschichte zutrifft, dann auf ihn. Bevor wir hierauf jedoch näher eingehen, machen wir auf etwas aufmerksam, was die Namensgeber der Trittauer Dichterstraßen hätten besser machen können. Der Goethering beginnt und endet in oder an der Schillerstraße. Ein Blick in den Ortsplan zeigt dies deutlich. Wäre es nicht logischer gewesen, den Straßenbogen als Schillerring und die ihn quasi stützende Straße als Goethestraße zu bezeichnen?

Goethe war zehn Jahre älter als Schiller und überlebte ihn um siebenundzwanzig Jahre. So hat sich aus seiner längeren Lebensdauer zwangsläufig ein weit umfangreicheres Werk ergeben, und Goethes Einfluss auf Schiller war unvermeidbar. Immerhin war der Ältere bereits durch seinen "Werther" hochberühmt, als der Jüngere noch in Stuttgart die harte Schulbank drückte.
"Die Leiden des jungen Werthers". Damit haben wir schon den ersten Baustein zum Gesamtkunstwerk Goethe. Dieser Roman voll Liebessehnsucht und -leid machte den Dichter so schnell bekannt, wie heute Popkünstler von einem Tag zum anderen in aller Munde sind. Der "Werther" erschien 1774, als Goethe fünfundzwanzig Jahre alt war. Man sollte aber die Beschreibung eines Lebens nicht mit diesem Alter anfangen, sondern mit der Geburt. Also der Reihe nach:

Am 28. August 1749 wird Johann Wolfgang Goethe in Frankfurt am Main geboren, als Sohn einer wohlhabenden, in der Stadt hoch angesehenen Familie. Einer behüteten Kindheit folgt von 1765-68 das Jurastudium in Leipzig, das er 1770/71 in Straßburg erfolgreich abschließt. Nun ist er Lizenziat der Rechte und hat sich im Sinne seines Vaters eine solide Grundlage für sein berufliches Leben geschaffen.
Schon in Leipzig befasst sich Goethe mit Versdichtungen im Stile des Rokoko, aber während seiner Zeit in Straßburg wird ihm zum ersten Mal die Richtung seines Lebensweges als Lyriker, Dramatiker, Romanschreiber und Philosoph bewusst. Er trifft Herder, hört dessen Ideen von der Loslösung der deutschen Literatur von hauptsächlich französischen Einflüssen, erwandert sich die schöne Landschaft des Elsass und Lothringens, öffnet seine Augen für die Natur, entdeckt im Anblick des Straßburger Münsters die Schönheiten der Architektur und verliebt sich in Friederike Brion, die Tochter des Pfarrers in Sesenheim.
Die für sie geschriebenen Gedichte, bekannt als Friederike-Lieder, zeigen Goethes liebevolle Hinneigung zum weiblichen Geschlecht in besonderer Weise. Seine vielfältigen Beziehungen zu Frauen werden sich wie ein rotes Band durch sein ganzes Leben ziehen und tragen nicht zuletzt zum Gesamtkunstwerk Goethe bei. Sie hinterlassen in seinen Dichtungen Spuren, beginnend schon vor Friederike mit den Annette-Liedern, bald danach wegen Charlotte Buff in "Werthers Leiden" bis hin zu den Marienbader Elegien, dem Ausdruck schmerzhaften Entsagens des alten Goethe auf seine Liebe zur neunzehnjährigen Ulrike von Levetzow. Dazwischen liegen viele Verliebtheiten und Lieben, aber auch seine jahrelange Hinneigung zu Charlotte von Stein, seine Ehe mit Christiane Vulpius, seine Verehrung für Anna Amalia, die Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach, eine Beziehung, von der gerade in jüngster Zeit gemutmaßt wird, sie könne über das normale Maß der Verehrung hinausgegangen sein.

So viel zu Goethe und den Frauen. Auch wenn der Schluss des zweiten Teils der Faust-Tragödie nicht in diesem Sinne verstanden werden kann, würde er doch gut zu dem Dichter, seinen Beziehungen zum weiblichen Geschlecht und dessen Einfluss auf sein Werk passen: "Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan."
Goethe lässt sich nach seiner Straßburger Promotion zum Lizenziaten der Rechte in seiner Heimatstadt Frankfurt als Anwalt nieder, wo ihm seine familiären Beziehungen viel Zeit zum Schreiben lassen. Es entsteht noch im selben Jahre 1771 sein "Götz von Berlichingen". Dieses Stück zusammen mit Dramen anderer zeitgenössischer Dichter löst die rebellische Periode von Sturm und Drang aus, bezeichnet nach Klingers gleichnamigem Schauspiel. Eine Gruppe von Autoren bezeichnet sich selbst als Genies, die Neues schaffen und sich nicht nach hergebrachten Mustern richten wollen. Auch Schillers "Räuber" entstehen im Geiste dieser Bewegung. Der Einfluss des Götz von Berlichingen auf die literarische Zeit von Sturm und Drang, wozu auch der 1774 entstandene Werther mit seinem Überschwang an Gefühlen gehört - dies ist ein weiterer wichtiger Teil des Gesamtkunstwerkes Goethe.

Sein Ruhm treibt den jungen Dichter an zu rastloser Arbeit. Er will sich der Welt beweisen und verfasst in der Überzeugung des eigenen Genies Gedichte und Dramen, Satiren und Singspiele. Er lernt berühmte Männer des geistigen Lebens kennen, darunter den Dichter Klopstock und den Theologen Lavater, er verlobt und entlobt sich wieder, und es kommt zu dem Zusammentreffen, das für sein weiteres Leben entscheidend wird. Er wird dem sehr jungen Weimarer Erbprinzen Karl August vorgestellt, dessen wiederholter Einladung an den dortigen Hof er im Spätherbst 1775 folgt.

Karl Augusts früh verwitwete Mutter Anna Amalia hat Weimar in den Jahren zuvor durch Berufung schöngeistiger Hofleute in einen Musenhof verwandelt. Als Goethe eintrifft, Karl August ist inzwischen achtzehn Jahre alt und Herzog geworden, nimmt zwar anfangs das ihm gewohnte Sturm-und-Drang-Dasein seinen Fortgang, doch bald schon ändert sich sein Leben.
Um ihn an den Hof zu binden, belehnt Karl August ihn mit Ämtern, die ihn veranlassen, in vielerlei Funktionen verantwortlich für das Land tätig zu werden. Er tut dies im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus, was auch bedeutet, dass er keineswegs wie seine alten rebellischen Freunde ein Anhänger der Revolution in Frankreich ist. Dennoch wird ihm der dramatische Umbruch bewusst, der von den Pariser Ereignissen des Jahres 1789 ausgeht. Bei der Kanonade von Valmy 1792 fällt sein berühmter Ausspruch: "Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen." Er wird in den folgenden Jahren zum Bewunderer des Genies Napoleon.
Von 1775 bis etwa 1806 wirkt Goethe, 1782 von Karl August nobilitiert, als Staatsmann für das Herzogtum Weimar - ein wichtiger Teil des Gesamtkunstwerks, von dem wir sprechen -, aber das geschieht nicht ohne Unterbrechungen, ohne Qual, ohne Flucht aus der Verantwortung. Er reist zweimal nach Italien, wo er sich nach eigenen Worten inmitten belebter Natur befindet, wenn ihn die Zeugnisse antiker Kultur umgeben. Er flieht wiederholt in nicht näher definierte Krankheiten, die ihn zu Kuraufenthalten in Karlsbad und Marienbad veranlassen, von denen er gestärkt zurückkehrt.

Goethe fühlt sich zum Dichter berufen, und dieser Aufgabe will er sich nicht entziehen. Er schreibt Szenen des "Faust", Dramen wie "Egmont", "Iphigenie auf Tauris" und "Torquato Tasso", den Entwicklungsroman "Wilhelm Meisters Lehrjahre", Gedichte und Balladen, das satirische Epos "Reineke Fuchs".
1794 beginnt seine Mitarbeit an Schillers Zeitschrift "Die Horen" und damit die Freundschaft und die gegenseitige Beeinflussung der beiden großen Dichter, die als Weimarer Klassik bekannte Periode. Viele große Geister scharen sich um den unbestrittenen Mittelpunkt Goethe.
Mit dem Tode Schillers 1805 - auch Herder, Anna Amalia und Wieland sterben in dieser Zeit - beginnt der Kreis, sich aufzulösen. Der beginnenden Romantik und ihren Dichtern steht Goethe reserviert gegenüber. Sein siebtes Lebensjahrzehnt beginnt und damit ein Abschnitt, dem man noch weniger als seinem bisherigen Schaffen in einem kurzen Abriss näher kommen kann. Es entstehen Werke, die zumindest dem Namen nach sehr viele Menschen kennen: "Die Wahlverwandtschaften", "Dichtung und Wahrheit", "Der west-östliche Divan", die Gespräche, die Goethe mit seinem aus Winsen an der Luhe stammenden Sekretär Eckermann führt und die dieser nach dem Tode des Dichters herausgibt. Vor allem aber beendet Goethe das, was er selbst als sein "Hauptgeschäft" bezeichnet und nach dessen Vollendung er erst beruhigt die Feder aus der Hand legt: Den zweiten Teil des "Faust". Als der erste Teil 1808 veröffentlicht wurde, galt er den Romantikern als Gipfel der modernen Dichtung. Faust II wird erst 1854 uraufgeführt. War Goethe seiner Zeit so weit voraus?

Das Gesamtkunstwerk Goethe wäre nicht vollständig ohne seine wissenschaftlichen Forschungen auf verschiedenen Gebieten. Er entdeckte den Zwischenkieferknochen beim Menschen, betrieb Pflanzenkunde und mineralogische Studien, befasste sich mit Bergbau und war stolz auf seine Farbenlehre. Er war ein guter Zeichner und trat in eigenen Stücken als Schauspieler auf. Kurz gesagt, er war das Originalgenie, als das er sich selbst sah.
Als er am 22. März 1832 stirbt, ist er bereits als Olympier der gemeinen Welt entrückt. Die Bewunderung für ihn hält seit bald zweihundert Jahren an, so sehr, dass man sich scheut, die Worte eines heutigen Schülers zu wiederholen, der glaubt, einen Deutschfehler in Goethes Gedicht "Wanderers Nachtlied" entdeckt zu haben:

Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?

Ob Goethe statt der Lust Frust gemeint habe, fragt der Schüler. Es heiße doch die Lust und der Frust. Es mag ja sein, dass der Dichter tatsächlich Frust gesagt hätte, wenn er dieses Wort schon gekannt hätte. Da dies aber sehr unwahrscheinlich ist, werden auch die kommenden Generationen Goethe den mit dichterischer Freiheit begründeten "Deutschfehler" nachsehen müssen.

Autor:
Hermann Drews