Fakten

Gemeindestraße
B-Plan Gebiet:
Länge: 33,20 m
Bau/Benennung: 24.11.1964


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Maulbeereck 2009
Foto: Bruno Scharnberg

Maulbeereck

Diese Straße gibt Rätsel auf, zumindest stimmt sie nachdenklich. Denn zunächst hat sie einen waschechten Superlativ zu bieten: Sie ist mit Sicherheit die kürzeste Straße Trittaus. Oder gibt es etwa eine Konkurrentin, die weniger als 33,20 Meter mißt?

Man könnte also mit Fug und Recht von einer Zufahrt sprechen, und das ist das Maulbeereck allemal, weil es die einzige Möglichkeit eröffnet, die vielbesuchte "Tierärztliche Gemeinschaftspraxis Dres. Wiedenhöft und Plath" trockenen Fußes oder per Auto zu erreichen.

Doch eine andere Frage drängt sich auf: Warum Maulbeeren und warum Eck?
Wer genauer hinschaut, wird weder das eine noch das andere ausmachen. Oder wuchsen hier etwa einmal Maulbeeren? Man ist geneigt, den Kopf zu schütteln, weiß man doch, daß diese Pflanzen eher in südlichere Gefilde gehören und weniger in den rauhen Norden. Oder hat hier etwa der Klimawandel . . .?
Nein! Die Straße existiert seit 1965, als die Winter noch richtige Winter und die Sommer noch richtige Sommer waren. Doch zunächst zu den Maulbeeren. Wikipedia (Stand 21. März 2009) hilft hier unkompliziert weiter und erzählt, die Maulbeeren oder Maulbeerbäume seien "wie die Feigen (Ficus) eine Pflanzengattung in der Familie der Maulbeergewächse (Moraceae)". Und weiter: "Mit zwölf Arten ist die Gattung über die gemäßigten und subtropischen Regionen der Nordhalbkugel mit Ausnahme von Europa verbreitet. Die drei in Europa meist bekannten Arten sind Weiße Maulbeere und Schwarze Maulbeere (beide aus Asien) sowie die Rote Maulbeere (aus Nordamerika). Maulbeeren wurden aber schon zu Zeiten der Römer in allen wärmeren Regionen Europas verbreitet, die sich klimatisch auch zum Weinbau eignen.

Maulbeeren sind sommergrüne Bäume oder Sträucher, die Wuchshöhen von 6 bis 15 Meter erreichen. Sie führen einen weißen Milchsaft. Sie haben eine graubraune Rinde. Die Blattform kann auch am selben Baum beträchtlich variieren. Nebenblätter sind immer vorhanden, können aber frühzeitig abfallen. . . .
Die grünen Blätter der Weißen Maulbeere dienen der Zucht des Seidenwicklers und waren der hauptsächliche Zweck, zu dem die Maulbeerbäume nach Europa eingeführt worden sind, ganze Landschaften - hauptsächlich in Südeuropa - wurden mit Maulbeerbäumen, der Seidenraupenzucht und durch die Seidenproduktion geprägt. Auch in Preußen wurden aus diesem Grunde Weiße Maulbeeren an Alleen, auf Marktplätzen und Schulhöfen gepflanzt. Billige Seidenimporte aus Südostasien Anfang des 20. Jahrhunderts machten die europäische Seidenzucht und damit auch die europäischen Maulbeerbäume überflüssig und verdrängten sie von den Alleen, wo sie oft zu finden waren."

Jetzt wissen wir schon mehr.

Dann hat es ja anscheinend auch in Trittau den Versuch gegeben, in guter preußischer Tradition einen Beitrag zur Seidenproduktion zu leisten. Und so ist es auch, wie uns Frau Ursula Lange als Zeitzeugin berichten kann. Sie ist nämlich Anliegerin, und ihr Haus steht auf einem langjährigen Familienbesitz: "Meine Großmutter Alice Hasche hat Ende der 1920er Jahre die [auf einer Karte] rot markierte Fläche südlich der heutigen Hinschkoppel gekauft und darauf Maulbeerbäume gepflanzt. Deren Blätter sollten den von ihr gezüchteten Seidenraupen als Nahrung dienen. Das Wissen über die Seidenraupenzucht hatte sie in Japan erworben, wo sie zuvor lange Jahre gelebt hatte. Leider sind die Bäume im ersten Winter vertrocknet, und meine Großmutter mußte sich mit dem Bestand von Maulbeerbäumen auf ihrem Grundstück in der Rausdorfer Straße begnügen, womit sie aber offenbar auch noch gute Ergebnisse erzielen konnte."

Ein Blick auf die frühere Karte zeigt nun, daß es hier in der Tat ein "Eck" gegeben hat, nämlich ein langgezogenes Rechteck, das von der Hamburger Straße bis über das Areal der Tierarztpraxis hinaus reichte. Als dann ab Mitte der 60er Jahre die Bebauung erfolgte, verschwand diese land- und gartenwirtschaftlich genutzte Fläche in ihrer alten Form. Und aus dem bisherigen "Stichweg" wurde jetzt eine offizielle Straße.

Doch die hieß noch lange nicht Maulbeereck. Den Gemeindevertretern schwebte nämlich vor, die neue Straße nach dem Dichter Hermann Löns zu benennen. Nun aber intervenierte Hans Hasche, der Vater von Frau Ursula Lange, bei Bürgermeister Stursberg. Er hatte nichts gegen Hermann Löns und meinte, dem Dichter sollte man in Trittau eine "ansehnlichere Straße" widmen, doch hier müßten nun einmal die Maulbeeren zu ihrem Recht kommen. Das war am 23. November 1965.
Zwei Tage später bereits erhielt Hans Hasche ein Schreiben von Bürgermeister Stursberg: "Ich kann Ihnen die erfreuliche Mitteilung machen, daß die Gemeindevertretung in ihrer gestrigen Sitzung Ihrem Antrag gefolgt ist. Die vorgenommene Straßenbezeichnung "Hermann-Löns-Weg" ist mit sofortiger Wirkung in 'Maulbeereck' umbenannt worden."

Das ist die eine Geschichte, die sich mit dieser kurzen, aber - wie wir gesehen haben - keineswegs unbedeutenden Straße verbindet.

Die andere handelt von Familie Wiedenhöft, und sie beginnt mit Tierarzt Dr. Erwin Wiedenhöft, der im Frühjahr 1949 aus russischer Gefangenschaft heimkehrte. Zunächst wohnte er in Kröppelshagen. Von dort aus besuchte er die Kollegen der Umgebung, unter anderem auch Dr. Majert in Trittau. Als dieser im Sommer 1949 in St. Peter-Ording tödlich verunglückte, bat die Witwe Herrn Wiedenhöft, die Praxis ihres Mannes weiterzuführen. 1950 übernahm dieser die Praxis, die sich damals in der Poststraße 45 befand. 1956 dann erwarb Wiedenhöft das Grundstück Finkenweg 14 und betrieb seine Praxis dort ab 1957 in eigenen Räumen.

1968 stieg der älteste Sohn Dr. Wulf Wiedenhöft mit ein. Er wiederum nahm 1972 seinen jüngeren Bruder Lutz in die Praxis mit auf, die jetzt zur Gemeinschaftspraxis wurde und seit 1976 im Maulbeereck 3 angesiedelt ist.
Dr. Lutz Wiedenhöft schied 1997 aus. Ein Jahr später begann Frau Dr. Barbara Plath ihre Tätigkeit in der Praxis, in der sie seit 2003 Kompagnon ist. Und 2009 wird voraussichtlich Frau Dr. Dörte Wiedenhöft ihren Vater in 3. Generation ablösen.

Autorin:
Telsche Wiedenhöft
H.-J. Perrey