Caroline Rudolphi

Fakten

Gemeindestraße
B-Plan Gebiet:
Länge:
Bau/Benennung:


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Rudolphiweg 2009
Foto: Bruno Scharnberg

Rudolphiweg

Eine kleine Sackgasse am westlichen Rand des Trittauer Zentrums, keine 50 Meter lang. Fast nur eine breite Zufahrt zu dem Endgrundstück, rechts und links begrenzt von riesigen Hecken und hohen Mauern. Immerhin trägt das Haus die Nummer acht. Hier und dort liegt etwas zurückgesetzt ein Haus mit einer niedrigeren Nummer. Die übrigen bleiben wohl versteckt im Schutz von Hecke und Mauer. Der Rudolphiweg, Teil des Wohngebiets mit Lessingstraße, Goethering und Schillerstraße. Alle benannt nach Dichtern des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts zwischen Aufklärung und Klassik.
Und daneben eine Frau, die dieses Bild zu sprengen scheint: Caroline Rudolphi. Tief verwurzelt im Pietismus setzt sie sich mit der Aufklärung eher kritisch auseinander. Sie verehrt die Klassiker, schlägt mit ihren eigenen Gedichten den Bogen zur Romantik. Sie wurden in drei Sammlungen zusammengefaßt. Viele der Gedichte wurden von namhaften Komponisten vertont, ihre "Ode an Gott" sogar als Landsgemeindelied des Schweizer Kantons Appenzell eingeführt. Eine vielgelesene Dichterin.
Dennoch, Frauen fanden damals nur schwer die Anerkennung ihrer männlichen Dichterkollegen. Rudolphis Straßennachbar in Trittau, der Geheimrat Goethe, äußerte sich jedenfalls vernichtend über dichtende Frauenzimmer.
Die vier Straßen sind eng miteinander verwoben: Die Schillerstraße verläuft parallel zur Lessingstraße, mündet in den Goethering, führt im Bogen am Rudolphiweg vorbei zu sich selbst zurück. Warum aber Caroline Rudolphi? Gewissermaßen als Ableger des Dichterfürsten Goethe? Aber wahrscheinlich wollten die Namensväter gar keinen Beitrag zur Literaturgeschichte leisten.
Nein, die Namensgebung fällt ungefähr in eine Zeit, als Pastor Jessens Ortschronik von 1914, die Geschichte des Kirchspiels und Amtes Trittau, wiederentdeckt wird und damit auch sein kleines Porträt von Caroline Rudolphi. Stark gekürzt und ein wenig aufbereitet wird es 1967 in den Trittauer Nachrichten neu herausgebracht - allerdings auch mit den Fehlern, die dem Heimatforscher Jessen damals unterlaufen sind.
Caroline Rudolphi: Geboren wurde sie am 24. August 1753. Schon früh verliert sie ihren Vater und wächst in Potsdam in ärmlichen Verhältnissen auf. Sie erhält nur ein wenig Elementarunterricht, muß sich ihre Bildung später autodidaktisch erwerben. Dennoch entwickelt sie eine Neigung zur Literatur, zum Schreiben. Nur wenig später entdeckt der weithin bekannte königlich-preußische Kapellmeister Reichardt ihr Talent und bringt ihren ersten Gedichtband heraus.
Eine unglückliche Liebe führt dazu, daß ihr die Ehe versagt bleibt. Sie entscheidet sich dazu, unverheiratet zu bleiben und wählt den Beruf der Erzieherin. Zunächst bei einer adligen Familie in Trollenhagen im Mecklenburgischen. Als die Familienverhältnisse dort immer schwieriger werden, verläßt sie ihre Stellung. Die vier jüngsten Mädchen werden ihr weiterhin anvertraut, und mit ihnen gründet sie im Frühjahr 1783 ihr erstes Erziehungsinstitut in Trittau. Es steht an der alten Heerstraße zwischen Hamburg und Mölln, der heutigen Rausdorfer Straße. Es ist sicher kein Zufall: Wenn man den Rudolphiweg in der Luftlinie nur um gut hundert Meter verlängert, kommt man in etwa an die Stelle, wo ihre kleine Hütte gestanden hat.
Caroline Rudolphis Wahl trifft nicht zufällig auf Trittau. Es zieht sie in die Nähe ihres Bruders Ludwig, der als Hauslehrer von Joachim Heinrich Campe auf dem Amtshof in Trittau tätig ist. Nach nur anderthalb Jahren verläßt Caroline Trittau wieder, als ihrem Bruder der Sohn der Familie Röpert zur Erziehung übergeben wird. Gemeinsam ziehen die Geschwister mit nun fünf Zöglingen nach Billwerder.
Wenig später aber zwingen finanzielle Gründe Caroline Rudolphi, weitere Kinder aufzunehmen und ein größeres Haus in Hamm zu mieten. Hier wohnt sie von 1785 bis zu ihrem Umzug nach Heidelberg im Jahr 1803. Ihr Institut entwickelt sie zu einem weit über Norddeutschland hinaus bekannten Mädchenpensionat. Zugleich ist es ein gesellschaftlicher Treffpunkt vieler bekannter Geister des ausklingenden 18. Jahrhunderts, zu denen namhafte Dichter wie Friedrich Gottlieb Klopstock aus Altona und selbstverständlich auch Matthias Claudius aus Wandsbek zählen. Die zunehmende Teuerung in Hamburg, aber auch ganz persönliche Gründe bewegen Rudolphi, sich im August 1803 mit einigen ihrer Schülerinnen und dem Hauslehrer in vier Kutschen auf die zweiwöchige Reise nach Heidelberg zu machen. Der Neubeginn ist ein voller Erfolg: In kürzester Zeit wird das Mädcheninstitut von Caroline Rudolphi zu einem Mittelpunkt der aufstrebenden Stadt.
Nebenher findet die Erzieherin Zeit, einen längst entworfenen Erziehungsroman zu Papier zu bringen. In 88 fiktiven Briefen an eine ehemalige Schülerin entwickelt sie ihr Erziehungskonzept. Im Zentrum steht die natürliche Entfaltung des Kindes, unterstützt von der sanften Lenkung durch die Erzieherin - und das eingebettet in eine Romanhandlung mit happy end und vier glücklichen Paaren. Am 15. April 1811 stirbt Caroline Rudolphi und wird am darauffolgenden Tag von ihren Schülerinnen zu Grabe getragen.

Autorin:
Gudrun Perrey