Fakten

Gemeindestraße
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Bau/Benennung:


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Bebauung durch die ESKA
Schillerstraße 2009
Foto: Bruno Scharnberg

Schillerstraße

Wie nähert man sich einem der größten Dichter deutscher Sprache, wenn man begründen will, warum eine Straße nach ihm benannt ist? Dass sich mit dieser Frage und der Bedeutung Friedrich Schillers schon sehr bewusst die Trittauer Namensgeber beschäftigt haben, zeigt die Tatsache, dass in unmittelbarer Nähe "seiner" Straße nur der Goethering und die Lessingstraße Namen von Dichtern tragen, die mit Schiller auf gleicher Höhe des Parnass thronen. Erst in angemessener Entfernung findet man wieder Straßenschilder mit den Namen anderer Poeten.

Wie fängt man es nun aber an, diesen großen Mann zu würdigen, der Dramatiker und Lyriker, Philosoph und Historiker in einer Person war? Es gibt viele Wege, doch welche erreichen ein Ziel, das ihm gerecht wird? Für sein Leben und Wirken bezeichnend ist sein Wort: "Der Mensch ist nur dann ganz Mensch, wenn er spielt."
Diese Erkenntnis ist heute so wahr wie seit eh und je, heute sogar in besonderem Maße, wenn wir sehen, wie unsere Gesellschaft unter dem allgegenwärtigen Konkurrenzdruck ihren inneren Ausgleich im Sport oder bei Spielen verschiedener Art, selbst beim Skat oder beim Zocken findet. Im Spielerischen erkennt Schiller die Freiheit des Individuums, es regt zur eigenen Entscheidung an, zur Reflexion, es weist Vorschriften von sich, trägt Fairness und Moral in sich.

Vom Ideal der Freiheit handeln Schillers Dramen, auch wenn gerade dieser Begriff zwischen den frühen, revolutionären "Räubern" und dem späten, sich in der Haltung deutlich davon absetzenden "Wilhelm Tell" einen Wandel erfährt. Dieses Ideal entwickelt sich über Schiller hinaus fort und ist das Fundament unserer heutigen demokratischen Grundordnung. Es ist nicht verwunderlich, dass auf diesem Wege anfangs vor allem Liberale und Konservative Schiller für sich in Anspruch genommen haben, dann im 20. Jahrhundert missbräuchlich auch Sozialisten und Reaktionäre.
Friedrich Schiller wurde 1759 in Marbach am Neckar geboren. Auf Befehl des Herzogs Karl Eugen von Württemberg, des Dienstherrn seines Vaters, trat er 1771 in die Militärische Pflanzschule in Stuttgart ein, die später in Karlsschule umbenannt wurde. Das harte Kasernenleben dort und die Bedrohung geistiger und leiblicher Freiheit weckten früh seinen Widerstandsgeist. Er studierte gegen seinen Willen anfangs Jura, wechselte dann auf eigenen Wunsch zur Medizin über und wurde 1780 auf höheren Befehl als Regimentsmedikus angestellt.

Die Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend, beginnend mit dem strengen Pietismus seines Elternhauses, gefolgt von militärischer Bevormundung und dem täglichen Erlebnis der hierarchischen Ständegesellschaft, prägten in diesen Jahren den Friedrich Schiller, den wir aus seinem Werk, vor allem aus seinen Dramen kennen. Er machte schon damals als Autor auf sich aufmerksam, sehr unliebsam in den Augen seines herzoglichen Herrn, der ihm schließlich jede nicht-medizinische Schriftstellerei verbot, nicht zuletzt wegen der Uraufführung der "Räuber" 1782 in Mannheim, außerhalb des württembergischen Machtbereichs. In diesem Jahr floh Schiller aus seiner schwäbischen Heimat.
1783 arbeitete er als Theaterdichter in Mannheim und schrieb die Tragödie "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua". Es folgte 1784 das bürgerliche Trauerspiel "Kabale und Liebe", sein zweiter großer Erfolg nach den Räubern. In diesen Jahren prägte er den Begriff des Theaters als moralische Anstalt, der dem heutigen Regietheater von Kritikern oft entgegengesetzt wird. Er lebte danach als das, was wir heute einen freien Schriftsteller nennen würden. In ständiger Geldnot gründete er die Zeitschrift "Rheinische Thalia", die ihn aber nicht wie gehofft aus seiner finanziellen Notlage befreite. So folgte er 1785 dem Ruf eines Freundes nach Leipzig und ging anschließend nach Dresden. In der freundschaftlichen Atmosphäre, die ihn in diesen beiden Städten umfing, dichtete er die "Ode an die Freude", die später von Beethoven vertont wurde und heute der Text der Europa-Hymne ist.

In Dresden vollendete Schiller 1787 den "Don Carlos", in dem der Marquis Posa König Philipp II., den absoluten Herrscher über das spanische Weltreich, kühn auffordert: "Geben Sie Gedankenfreiheit." Neben den in der mitreißenden revolutionären Atmosphäre von Sturm und Drang geschriebenen "Räubern" war dies wenige Jahre später ein weiterer Grund für den französischen Nationalkonvent, den deutschen Dichter zum französischen Ehrenbürger zu machen.
Noch 1787 ging Schiller nach Weimar, wo er sich vor allem mit historischen Themen befasste. Hier entstand sein Werk über den "Abfall der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung", das ihm einen Ruf als Professor an die Universität von Jena eintrug, wofür er jedoch kein Gehalt bezog. Er war deshalb gezwungen, sich auch dort neben seiner wissenschaftlichen Arbeit weiterhin als freier Autor zu betätigen. Er veröffentlichte die "Geschichte des dreißigjährigen Krieges", Gedichte und Aufsätze zu philosophischen Themen, beispielsweise über die Dualismen von Pflicht und Neigung, von Vernunft und Gefühl.
In diesen Jahren gab er eine neue Zeitschrift mit dem Namen "Thalia" heraus, der 1795 die "Horen" folgten. In beiden erschienen Beiträge bekannter Autoren jener Zeit, die wir zur von Goethe und Schiller begründeten Weimarer Klassik zählen, unter anderem von Wieland und Herder, Hölderlin und Wilhelm von Humboldt. Auch die frühen Romantiker um Friedrich von Schlegel schrieben in diesen Zeitschriften, die in der ganzen deutschsprachigen Welt von interessierten Kreisen gelesen wurden.

Es war Schiller, der Goethe 1794 zur Mitarbeit an der Redaktion der "Horen" aufforderte, was zu dem berühmten Freundschaftsbund zwischen beiden führte, der bis zu Schillers frühem Tod 1805 andauerte. Diese beiden Dichter waren das Zentrum einer Ansammlung bedeutender Geister, wie man sie seit dem Weimar der Anna Amalia und ihres Sohnes Karl August nirgendwo wieder erlebt hat.
In diesen Jahren entstanden Schillers bekannteste Gedichte, von denen hier nur "Das Lied von der Glocke" sowie "Der Taucher" und "Die Bürgschaft" genannt sein sollen. Diese Balladen entstanden zeitgleich mit anderen ihrer Art in den Jahren 1797-98 und sollten dem Volk das idealistische Kunstverständnis Schillers und Goethes näher bringen.

1790 hatte Schiller Charlotte von Lengefeld geheiratet. Nur ein Jahr später erkrankte er an einer lebensgefährlichen Lungenkrankheit, die ihn zwang, sein Lehramt in Jena aufzugeben. Immer wieder warf ihn sein Leiden nieder und hinderte ihn an schöpferischer Arbeit. Dass er in den letzten vierzehn Jahres seines Lebens dennoch ein gewaltiges Werk schuf, ist eine der ganz großen Leistungen der Literaturgeschichte.
Wie Schillers frühe, bereits erwähnte Dramen sind auch die zwischen 1788 und 1804 begonnenen und mit Ausnahme des "Demetrius" vollendeten Bühnenwerke bis heute nicht von den Spielplänen der Theater verschwunden, was von der zeitlosen Gültigkeit der ihnen zugrunde liegenden Ideen zeugt. Dazu gehören die Wallenstein-Trilogie, "Maria Stuart", "Die Jungfrau von Orleans" und "Wilhelm Tell". Diese Werke werden wohl auch in den kommenden Generationen zum Standardprogramm der Bühnen nicht nur in Deutschland gehören, wenngleich in wechselnden, zeitgenössischen Inszenierungen.

Selbst die größten Dichter leben im Volk oft weniger durch ihre Werke als durch Zitate fort, die aus der Umgangssprache nicht mehr wegzudenken sind. Friedrich von Schiller, wie er sich seit der Nobilitierung durch seinen Landesherrn Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach im Jahre 1802 nennen durfte, prägte sehr viele solcher Worte, die wir täglich gebrauchen.

Hier folgen nur einige besonders bekannte Beispiele aus Gedichten und Dramen.

"Was tun, spricht Zeus" aus "Die Teilung der Erde"
"Der Mensch versuche die Götter nicht" aus "Der Taucher"
"Kein Engel ist so rein" aus "Der Gang nach dem Eisenhammer"
"Leben und leben lassen" aus "Wallensteins Lager"
"Wehe, wenn sie losgelassen" aus "Das Lied von der Glocke"
"Was ist der langen Rede kurzer Sinn?" aus "Die Piccolomini"
"Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben" aus "Wallensteins Tod"
"Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens" aus "Die Jungfrau von Orleans"
"Der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb" aus "Die Braut von Messina"
"Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt" aus "Wilhelm Tell"
"Früh übt sich, was ein Meister werden will" aus "Wilhelm Tell"
"Die Axt im Haus erspart den Zimmermann" aus "Wilhelm Tell"

Diese Reihe ließe sich verlängern, doch soll jetzt mit einem Zitat aus dem unvollendet gebliebenen "Demetrius" geschlossen werden, dem man auch aus heutiger Sicht kaum widersprechen kann:

"Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn,
Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen."

Autor:
Hermann Drews