Auf den Weg gebracht.
Betrachtungen zum Trittauer Straßenprojekt von Hans-Jürgen Perrey

Ein Blick ins Internet genügt: Das Vorstellen und Erläutern von Straßennamen gehört für viele Städte und Gemeinden mittlerweile zum guten Ton.

Wir wollen ebenfalls ein solches Projekt anpacken, und zwar mit Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger. Sie können uns schreiben und Informationen, Fotos, Dokumente, Wissenswertes oder Anekdotisches über Ihre Straßen zur Verfügung stellen. Denn auch in Trittaus Straßen wurde Geschichte erlebt und manchmal vielleicht sogar geschrieben.

Nomen est omen!

Straßen- oder Wegenamen sind - meist als Flurnamen - historisch gewachsen und kommen aus der Tiefe der regionalen Geschichte. Ursprünglich wurden sie nur mündlich überliefert und gehörten zum alltäglichen Sprachgebrauch. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren in Stormarn nicht einmal Ortsschilder (oder intakte Ortsschilder bzw. Wegweiser) eine Selbstverständlichkeit. Wer als Fremder ein Dorf betrat - was wörtlich genommen werden muß, weil die meisten Menschen zu Fuß unterwegs waren -, mußte eben fragen, wo er gelandet war.

Und die Straßen?

Nennen wir sie lieber Wege. Sie waren notorisch schlecht, zerfahren und witterungsbedingt oft unpassierbar. Daß Dörfer im Winter manchmal nicht zu erreichen waren, gehörte noch im späten 19. Jahrhundert zur Alltagserfahrung unserer Vorfahren. Wer sich also mit dem Straßen- und Wegewesen beschäftigt, schlägt ein spannendes, oft noch gar nicht ausreichend erforschtes Kapitel der Wirtschafts-, Sozial- und Alltagsgeschichte auf, wobei der obligatorische Schulunterricht zu dem Thema "historische Infrastruktur" meist wenig beizutragen hat. Hier wird vorrangig der spektakulärere Eisenbahnbau behandelt und dabei leicht vergessen, daß der systematische Ausbau des Straßen- und Wegenetzes den Eintritt ganzer Regionen in die Moderne erst ermöglicht hat. Wenn die Landwirte im 19. Jahrhundert ihre Produkte, allen voran die Milch, vermarkten und tagtäglich pünktlich in die Meiereien liefern wollten, von wo es in die großen Städte ging, dann waren befestigte, befahrbare Wege eine wichtige Voraussetzung. Folglich flossen im 19. und 20. Jahrhundert erhebliche Teile der kommunalen Investitionen in diesen Sektor, der dann ab 1900 durch die einsetzende Automobilisierung der Gesellschaft eine noch weitreichendere Dimension erfuhr.

Aber das ist ein weites Feld . . .

Das Recht, Straßennamen zu vergeben, fällt in die Zuständigkeit der Kommunalen Selbstverwaltung, also der Gemeindevertretung. Vorschläge kommen nicht selten aus der Verwaltung. Immer wieder entzünden sich an Namensvorschlägen kontroverse Debatten, denn jede Namenswahl vollzieht sich vor dem Hintergrund einer bestimmten historisch-politischen Situation, was letztlich bedeutet, daß jedes Straßenschild selbst schon eine historische Quelle darstellt.
Bei der Namenswahl gibt es Vorlieben und Moden, ähnlich wie bei unseren Vornamen. Wer sein Kind nach der Reichsgründung von 1871 Otto nannte, spielte in der Regel auf Bismarck an, während "Wilhelm" meist eine Reverenz an das Kaiserhaus war. Oder hieß der 1933ff. geborene Sohn Adolf, war der Fall ebenso klar.
Natürlich spielen beim Straßennamen auch Geschmack oder Ästhetik eine Rolle. Nicht jeder möchte in der Viehkoppel wohnen, während andere glücklich sind, daß sie Wohnung oder Haus im Mozart- oder Goetheweg gefunden haben, sind solche Namen doch zugleich so etwas wie eine Verzierung der Visitenkarte und zeugen zumindest nominell von einer guten Adresse. Oder anders ausgedrückt: Straßennamen sind Aushängeschilder im besten Sinne des Begriffs.
Es gibt in Deutschland zwar kein Bundesgesetz zu Straßenbenennungen, dessenungeachtet haben viele Kommunen aber allgemeine Grundsätze und Regeln erlassen. Die betreffen unter anderem die Rechtschreibung. Diese wiederum geht auf den Duden zurück, der zum Thema "Straßennamen" einiges zu sagen hat.
Ein Beispiel ist die Verwendung des Bindestrichs, wenn es z.B. um die Emil-Nolde-Straße geht. Ein anderes betrifft die Zusammenschreibung: Gibt es nur ein Nomen oder einen Namen in Verbindung mit Grundwörtern wie Straße, Gasse, Weg oder Platz, dann schreibt man den Straßennamen in einem Wort: Veilchenweg, Stormstraße, Ferdinandshöhe. Und: Auch nach der vieldiskutierten Rechtschreibreform heißt es nach wie vor "Straße" und nicht "Strasse".
Große historische Umbrüche, Wendezeiten oder Revolutionen gehen an unseren Straßen meist nicht spurlos vorüber. Das hat 1918/19 eine Rolle gespielt, vor allem aber 1933 bis 1945, als Adolf-Hitler- oder Horst-Wessel-Straßen Hochkonjunktur hatten. Mit dem Verschwinden der NS-Diktatur vollzog sich im besetzten Deutschland wiederum ein hastiger Umbenennungsprozeß, den die DDR bzw. die neuen Bundesländer 1989/90 dann noch einmal erlebten.
Apropos Namensänderung - wäre es nicht auch erwägenswert, die eine oder andere Straße nachträglich doch umzutaufen? Gemeint ist keine Umbenennung aufgrund dramatischer politischer Ereignisse, sondern aus ästhetischen, kultur- oder gesellschaftspolitischen Motiven. So könnte man in Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten zum Beispiel darangehen, den Trittauer Herrenruhmweg umzubenennen. Erstens kann sich ja doch niemand darunter etwas vorstellen, und zweitens - aber das muß in Zeiten der Gleichberechtigung von Mann und Frau ja nicht weiter ausgeführt werden . . .

Nur eines noch: Frauen sind - was die Trittauer Straßenbenennungen anbelangt - in den vergangenen Jahrzehnten ausgesprochen stiefmütterlich behandelt worden. Wenn ich richtig gezählt habe, komme ich gerade einmal - bei 32 Männern - auf zwei Frauen. Seit kurzem erst haben wir die Anne-Frank-Straße. Und dann ist da noch der Rudolphiweg. Aber wie viele Leute mag es geben, die gar nicht wissen, daß hier (hoffentlich!) Caroline Rudolphi gemeint ist, die Pädagogin der Campe-Zeit, die mehr als ein Jahr in Trittau gelebt hat, und nicht etwa Karl Asmund Rudolphi (1771-1832), der Naturforscher, Botaniker und Zoologe.

Also, ein neues Straßenschild muß her!

Und warum sollte es dabei bleiben? Vielleicht gibt es ja Straßen, die die Anwohner gern umbenennen, nominell gewissermaßen veredeln würden. Die Diskussion ist eröffnet! Ein weiteres Stück Demokratie wäre errungen: Die Bürgerinnen und Bürger entscheiden selbst über den Namen der Straße, in der sie wohnen. Warum auch sollte man das anderen Leuten überlassen?
Aber ich renne ja offene Türen ein. Trittau ist auf dem Gebiet der Direktdemokratie längst Vorreiter. Da wird politisch über zwei Jahrzehnte um die Entlastungsstraße West gerungen, und wer setzt das Projekt am Ende durch? Die Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Initiative AEW ("Aktion Entlastungsstraße West")! Darauf kann man stolz sein.

Aber das Schild?

Das Schild, das gleich nach der Einweihungsfeier der Entlastungstraße geklaut (oder in Sicherheit gebracht) wurde?
Mußte das sein - dieses Schild?
Der Fremde, der Ortsunkundige oder Nichteingeweihte - sie denken doch glatt - unwissend, was in Trittau alles möglich ist, - hier wird Gottfried August Bürger (1747-1794) gehuldigt, dem deutschen Sturm-und-Drang-Dichter! Außerdem: Wo war eigentlich die Gleichstellungsbeauftragte an diesem Tag, als die "Bürgerstraße" und nicht die "Bürgerinnen-und-Bürger-Straße" aus der Taufe gehoben wurde? Wahrscheinlich hat man sie damit getröstet, letzterer Name sei zu lang. Gut, wenn dem so ist, dann schlage ich hiermit die sofortige Umbenennung in "Straße der Demokratie" vor.
Klingt zu sehr nach DDR? Da lachen ja die Hühner! Pardon: Broiler. Es war - so höre ich immer wieder - doch nicht alles schlecht, was von "drüben" kam. Den Grünen Pfeil haben wir schließlich auch übernommen . . .

Ein Blick auf die Trittauer Straßenkarte offenbart so einiges.

Da gibt es die klassischen Verbindungswege von Ort zu Ort. Die Lütjenseer Straße führt eben - wie könnte es anders sein - nach Lütjensee. Dann sind dort die nach und nach entstandenen Baugebiete. Hier wird gern zur thematischen Straßenbenennung gegriffen. Auf diese Weise entstand ein Blumen- oder Vogelrevier, was den jeweiligen Quartieren oder "Straßennestern", wie es im Fachjargon heißt, sicherlich eine romantisch-ländliche Note verleihen sollte.
Doch beliebter sind bei unserer kommunalen Obrigkeit historische Persönlichkeiten, wobei historisch hier nur soviel heißt wie: ist schon gestorben und zudem berühmt. Promis also, die das Zeug zum Fernsehquiz haben und meist der musischen Sphäre entstammen: Dichter, Maler oder Musiker. Es sei denn, wir haben es mit einem Gewerbe- oder Industriegebiet zu tun. Dann sind Techniker, Wissenschaftler oder Unternehmer ein absolutes Muß. Hier kommen die Herren (!) Rudolf Diesel, Otto Hahn, Heinrich Hertz oder Carl Zeiss zu ihrem Recht.
Nur eines ist komisch: Daß dort, wo das Geld verdient wird, in schöner Regelmäßigkeit die Ökonomen fehlen. Denn was nützt die beste naturwissenschaftliche Grundlagenforschung oder technische Erfindung, wenn nicht das betriebswirtschaftliche oder volkswirtschaftliche Know-how dahintersteht, wodurch das Ganze letztlich zum geschäftlichen und auch gesamtwirtschaftlichen Erfolg geführt wird.
Aber kennen Sie eine Adam-Smith-, Joseph-Schumpeter-, John-Maynard-Keynes- oder Milton-Friedman-Straße? Nun gut - mag man einwenden - dafür haben wir in Deutschland (noch) zahlreiche Karl-Marx- und Friedrich-Engels-Straßen. Die beiden Herren waren schließlich auch Ökonomen. Und wahrscheinlich hat man pfiffigerweise diese Straßen 1989/90 deshalb nicht umbenannt, weil - schließlich kann man ja nie wissen . . .

Ja, mit Straßennamen ist das so eine Sache.

Deshalb sollte man auch die Bürgerinnen und Bürger entscheiden lassen, nach welcher namhaften Persönlichkeit sie ihre Straße benennen wollen, um ihnen im Gegenzug aufzutragen, Werk, Bedeutung und Ansehen ihres Namenpatrons zu pflegen. So könnten die Bewohner des Carl-Maria-von-Weber-Weges regelmäßig zu Konzerten laden, die der

Lessing-Straße zu Lesungen oder Diskussionsabenden zu aktuellen Fragen der europäischen Aufklärung.

Wäre das nicht toll!
Die Anlieger des Goetherings laden am 28. August, am Geburtstag ihres berühmten Dichters, zum Straßenfest: Es wird am Nachmittag für das leibliche Wohl gesorgt, aber auch für das geistige: Jeder Anwohner trägt ein Goethe-Gedicht seiner Wahl vor. Und anschließend ziehen alle Beteiligten gemeinschaftlich zur Mühle, denn dort wird schließlich jedes Jahr um 19.30 Uhr der Goethe-Geburtstag trittauoffiziell gefeiert.
So weit, so gut.
Aber ich höre wieder Einwände! Welcher Lessing ist denn überhaupt gemeint? Der Gotthold Ephraim, der Aufklärer und Campe-Freund, der die "Minna von Barnhelm" geschrieben hat? Oder etwa der ebenfalls berühmte Theodor Lessing, der politische Publizist und Philosoph, den die Nazis 1933 ermordeten?

Puuh - das sind heikle Fragen. Wie gut, daß wir in Trittau (noch) keine Bachstraße haben. Da wäre die Verwirrung nämlich perfekt: Musiker oder Zufluß zur Bille?
Man sieht, es ist schwierig, dieser Umgang mit den Geistesgrößen: Ob Rudolphiweg, Campestraße oder Claudiusweg - es herrscht die verordnete Unverbindlichkeit vor, weil man ja nie weiß, wer tatsächlich gemeint ist: die Caroline oder der Karl Asmund, der Joachim Heinrich oder der Julius Campe, der Matthias oder der Hermann Claudius. Also ich bleibe dabei: Neue, bessere Schilder müssen her! Man sieht es der Straße schließlich nicht an, wer gemeint ist.
Und was die Sache noch schwieriger macht: In Trittau gibt es fast so etwas wie ein ehernes Gesetz: Je größer und bedeutender die Persönlichkeit - desto kleiner und kürzer fällt die Straße aus. Warum das so ist, habe ich bis heute nicht herausfinden können. Dabei liegt es auf der Hand, hier Abhilfe zu schaffen. Der große Joachim Heinrich Campe, der bedeutende Volksaufklärer, der Pädagoge und Erfolgsautor von europäischem Format (mit dem sich so richtig touristisch wuchern ließe), - ist der nicht von Hamburg nach Trittau gekommen, immer schön die Hamburger Straße entlang? Um dann von der Krim aus, wo er drei Jahre gewohnt hat, die Möllner Straße zu befahren, was er in einem Reisebericht wundervoll beschrieben hat?
Also aufgewacht, liebe Bürgerinnen und Bürger der Hamburger und Möllner Straße! Demnächst steigt das große Straßenfest, verbunden mit der Umbenennung unserer vielbefahrenen West-Ost-Achse in Joachim-Heinrich-Campe-Straße.
I have a dream!
Das sollte just an dem Tag erfolgen, an dem die Süd-Nord-Achse, die Post- und Bahnhofstraße in Theodor-Steltzer-Straße umgetauft werden. Denn hier haben wir es auch mit einer herausragenden Persönlichkeit zu tun, die überdies noch in Trittau geboren wurde, gegenwärtig aber straßenbedingt viel zu kurz kommt.
Außerdem: Wozu brauchen wir noch eine Bahnhof- und Poststraße? Bahnhöfe gab es früher in Trittau zwar gleich drei Stück, aber heute fährt von hier aus weit und breit kein Zug mehr. Und die Post? Nun ja, solange wir unsere Filiale noch haben . . .
Nun sagen Sie nicht, Umbenennungen seien ein Problem, würden den Bürgerinnen und Bürger Kosten und - was fast noch schlimmer ist - bürokratische Mühen verursachen. 2008 wurde in Trittau der Gegenbeweis erbracht: Die Bewohner der Von-Stauffenberg-Straße sollen ins Bett gegangen und morgens in der Gadebuscher Straße (die leider nicht Allee heißt) aufgewacht sein. Die Stauffenberg-Straße war über Nacht verkürzt worden. So schnell kann das gehen.
Die Verantwortlichen hatten ihre Gründe und konnten (haben sie es eigentlich getan?) auf Tom Cruise und seinen neuen Film "Operation Walküre" verweisen. Da ist der historische Oberst von Stauffenberg, der eine beachtliche, sowohl moralische als auch körperliche Größe aufzuweisen hatte, ebenfalls dramatisch ver- und gekürzt worden. Aber vergessen wir den kleinen Tom Cruise und denken wir immer an unseren großen Stauffenberg, der schließlich auch für uns gestorben ist.
Zu einem anderen Problem: Trittau wächst und gedeiht, was aus der Sicht des Namensforschers oder Namensbeauftragten (wann wird der endlich ernannt!) natürlich nur von Vorteil ist. Wo gebaut wird, entstehen meist auch Straßen. Also Potential für neue Namen!
Trittau müßte sich einmal darauf besinnen, welche Straßennamen noch dringend zu vergeben wären. Da sollte nichts dem Zufall oder den Launen der Politik überlassen werden. Ein Gesamtkonzept muß her.
Zum Beispiel fällt auf, daß einige Themen bisher kaum zum Zuge gekommen sind, als da wären unsere Partnerstädte. Die Verschwisterungen, auf die Trittau doch so stolz ist und auch sein kann - wo sind die dazugehörigen Straßennamen?
Ist es mit dem Europaplatz wirklich getan?