Fakten

Gemeindestraße
B-Plan Gebiet:
Länge:
Bau/Benennung:


Könnten Sie noch etwas zur "Von-Stauffenberg-Straße" beitragen? Dann melden Sie sich bitte.

Von-Stauffenberg-Straße

Eine Geschichte über und um die (Claus) Von-Stauffenberg-Straße, oder ist es die Carl-von-Ossietzky-Straße, nein vielleicht doch die Gadebuscher Straße?


Eigentlich hatte ich - so meine Annahme - über 20 Jahre in Trittau in der Von-Stauffenberg-Straße gelebt. Mir war das recht so.

Schon als Kind hatte ich den Widerstand gegen Hitler und seine Köpfe bewundert. Besonders den invaliden Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg und den Kopf der Gruppe, Helmuth James Graf von Moltke. Geplant wurde das ja alles in Kreisau in Schlesien auf dem Gut der Moltkes. Fast jedes Jahr besuche ich die Gedenkstätte in Kreisau (heute in Polen). Sie liegt so versteckt und ist fast nicht ausgeschildert, wie jetzt die Trittauer Von-Stauffenberg-Straße. Als Kind einer schlesischen Familie gibt es sogar auch eine Verbindung zum Kreisauer Kreis. Also, ich lebte auch aus diesem Grund besonders gerne in der Von-Stauffenberg-Straße!

Eines Tages kam das Erwachen.

Der Briefbote fragte an der Haustür, ob mein Haus die Nummer 3 der Gadebuscher Straße sei? Ich verneinte! Der Bote wies aber beharrlich darauf hin, dass ich in der Gadebuscher Straße lebe. Allmählich an mir selber zweifelnd rannte ich 50 Meter vor bis zur Straßenkreuzung und dort stand wahrhaftig auf dem Straßenschild "Gadebuscher Straße". Sofort rief ich beim Bürgermeister an. Für mich überraschend wurde mir mitgeteilt, dass ich jetzt und das schon seit drei Wochen in der Gadebuscher Straße lebte, ich hätte es ja der Wochenzeitschrift (die ich gar nicht bekam) entnehmen können.

Eigentlich war Gadebuscher Straße auch nicht so schlecht, verband mich doch auch mit Gadebusch eine ganz besondere Geschichte.
Es war zu Zeiten der Grenzöffnung, noch vor der Wiedervereinigung, am Samstag, eine Woche vor Weihnachten. Wir "Wessis" konnten normalerweise noch nicht nach Mitteldeutschland (DDR), aber unsere Landsleute kamen an jedem Wochenende schon in Scharen zu uns. Da ich im Besitz eines sogenannten "Kleinen-Grenzverkehrsvisums" war und immer schon gerne Schwerin nebst Schloss sehen wollte, nahm ich trotz der Eiseskälte meinen offenen Oldtimerwagen und fuhr über Ratzburg und Gadebusch nach Schwerin. Auf der Rückfahrt war ich so durchgefroren, dass ich bei einem kleinen Weihnachtsmarkt am Rathaus von Gadebusch stoppte, um mich mit einem Glühwein aufzuwärmen. Ein älterer Herr sprach mich an und fragte, ob ich seinen beiden Enkelsöhnen nicht eine kleine Rundfahrt mit dem ungewöhnlichen Auto spendieren würde? Das war schnell erledigt, und ich kam mit dem Mann in ein Gespräch. Es war die Zeit, als alle DDR-Gemeinden Partnergemeinden im Westen suchten. Der Gadebuscher erzählte, dass man sich nicht recht zwischen Ratzeburg oder Trittau als Partner entscheiden könne.

Wohl wissend, dass Ratzeburg der näher gelegene und deutlich attraktivere Ort ist, wollte ich doch etwas für meine Wahlheimat Trittau bewirken. Also fragte ich, was Gadebusch am meisten fehle? Schnell kam die Antwort, ein Augenarzt, den gibt es seit vielen Jahren hier nicht, die Patienten müssen alle ins Bezirkskrankenhaus nach Schwerin fahren. Daraufhin machte ich dem Herrn ein Angebot: Nehmen Sie Trittau zur Partnergemeinde und Sie bekommen von mir für drei Tage in der Woche einen Augenarzt. Ich drückte dem Mann meine Visitenkarte in die Hand und fuhr heim nach Trittau. Was ich nicht wusste, der Herr war der Apotheker der dortigen Poliklinik. Der gab meine Karte an den Zahnarzt, und dieser reichte sie weiter zum Direktor der Poliklinik. Von diesem bekam ich nach 2-3 Wochen einen zaghaften Brief mit der Frage, ob ich das mit dem Augenarzt ernstgemeint habe? Nach einem Mittagessen bei mir, in der von Stauffenberg-Straße, wurde mein Angebot später besiegelt. Bis zur Wiedervereinigung war meine damalige Frau, eine Augenärztin, mindestens drei Tage in der Woche (ohne Gehalt und Fahrtkostenerstattung) in der Poliklinik in Gadebusch tätig.

Vielleicht habe ich unsere Partnerschaft mit Gadebusch erst möglich gemacht.

Trotzdem, meine Von-Stauffenberg-Straße wollte ich nicht aufgeben.
Also machte ich eine entsprechende Eingabe. Natürlich wurde diese abgelehnt! In Trittau wird immer alles abgelehnt! Aber die Begründung war erstaunlich, nein geradezu raffiniert. Man teilte mir (amtlich) mit, dass ich gehörigst die Nummer und Straßenbezeichnung zu nehmen hätte, an der sich die Zufahrt zu meinem Hause befindet, damit Einsatz- und Rettungsfahrzeuge mich rasch fänden. Wenn ich das gewusst hätte! Die Zufahrt zu meinem Haus und Grundstück befindet sich, seitdem mein Vorgänger es erbaut hat (1982), in der Carl-von-Ossietzky-Straße!

Nachdem ich diese Neuigkeit der Gemeinde mitgeteilt hatte, bekam ich in kürzester Zeit - stand nicht mal im Wochenblatt - meine dritte Anschrift: CARL-VON-OSSIETZKY-STRASSE. Na, so 1.000 - 2.000 € hat mich dieser Schildbürgerstreich gekostet.

Aber Carl von Ossietzky ist schon in Ordnung. Liegt er doch als Opfer der Nazis viel näher an von Stauffenberg als Gadebusch.

Für die, die noch nichts über ihn wissen: Der geborene Hamburger war ein zum Katholizismus konvertierter Jude, Pazifist, Schriftsteller und seit 1924 der Herausgeber der bekannten kritischen Zeitschrift "Die Weltbühne". Seit Ende der 1920er Jahre saß er mehrfach auf Grund seiner politischen Meinung in Haft und später im KZ, u.a. auch in Neuengamme. 1936 wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen, rückwirkend für das Jahr 1935 (selbstverständlich konnte er ihn nicht selbst entgegennehmen). Er verstarb 1938 an den Folgen von Haft und Misshandlung.

Aber mit dem Namen Ossietzky ist es doch ein Kreuz. Keiner kennt ihn! Keiner weiß, wie man ihn richtig schreibt! Wurde ich doch neulich in einem Trittauer Geschäft um meine Adresse gebeten, und die junge Dame konnte wirklich nichts mit dem Namen C.v.O. anfangen. Aber sie hatte eine schlüssige Erklärung dafür: "Ich bin nicht aus Trittau, ich wohne in Neuengamme!"

Autor:
Dr. Werner Görlich